Minimalismus versus Genügsamkeit

Seit einigen Wochen lese ich begeistert Blogs und Informationen über die Minimalismuswelle. Das klingt alles so nach Befreiung und Erleichterung. Was mich aber daran stört, das ist der prompt schon ausgebrochene Diskurs ab wie vielen Dingen man noch zu den Minimalisten gehört und wer angeblich schon zuviel hat um noch dazuzugehören. Ich finde es immer schade, wenn etwas Gutes sofort von Extremisten zerredet wird.

Es ist eben nicht für jeden und jede sinnvoll, wenn man nur 50 Dinge besitzt. Aus den unterschiedlichsten Gründen der persönlichen Lebensgestaltung können, individuell gesehen, auch 300 Sachen minimalistisch sein. Für jemanden wie mich, ist es schon ein massiver Erfolg, wenn meine vollgestopften Schränke zur Hälfte aussortiert werden. Ich gehöre zur Spezies „Sammler“. Das muss ich von meinen Eltern haben, bei denen auch alles aufgehoben wird: Man könnte es ja mal irgendwann brauchen! Es ist sehr schwer für mich, aus dieser Denke rauszukommen.

Mein erstes Buch über „Minimalismus“ wie ich ihn mir vorstellen kann, war ein Buch von Christa Pöppelmann „Die Kunst der Genügsamkeit“. Ganz grob zusammengefasst geht es darum, zu erkennen wann man von etwas „genug“ hat. Genügsamkeit hat mit spartanisch oder asketisch überhaupt nichts zu tun. Die ganz persönliche Balance zu finden ist die gestellte Aufgabe und gleichzeitig das Ziel. Das trifft sich gut mit meiner Vorstellung, dass es, wenn überhaupt, nur wenige universelle Wahrheiten gibt die alle Menschen über einen Kamm schert. Schon beim Gedanken an angeblich „gesunde Lebensmittel“ stellen sich mir alle Nackenhaare. Was für eine mediengesteuerte Verblödung der Bürger.

„Genug“ bedeutet schlicht und ergreifend nicht zu viel und nicht zuwenig – ganz individuell für sich selbst, nicht nach vorgeschriebenen Werten oder Vorstellungen anderer. Deswegen fühlt sich das Wort Genügsamkeit für mich auch viel geschmeidiger und wohliger an als Minimalismus. Bei letzterem hätte ich den Eindruck den Vorstellungen irgend welcher Gurus folgen zu müssen. Das ist für mich als Heidin, die keiner Lichtgestalt in Unterwerfung zu folgen bereit ist, nicht mein Ding. Ich bin das Maß der Dinge, zumindest dann wenn ich die Wahl habe. Und die Wahl hat man, so oder so, immer irgendwie.

Meine Wahl habe ich in den letzen Jahren zu häufig danach getroffen, wie man viel Ware für wenig Geld bekommt. Dementsprechend voll sind meine Schränke geworden. Kleidung, Bastelsachen, Bücher, Taschen und Wolle besitze ich in rauen Massen. Dazu noch eine Menge Nippes, den ich im Laden süß fand, daheim eine Weile zur Dekoration benutzt und dann irgendwo in einen Schrank für „ein ander´mal“ gesteckt habe. Nicht zu vergessen diverse technische Spielereien und Apps, die für mich auch so verlockend sind. Alles in allem folge ich wohl doch ohne Sinn und Verstand der Zwielichtgestalt des schnellen Konsums.

Bemerkbar gemacht hat sich diese Viel-für-Wenig-Taktik auch auf meinem Konto. Das alles einzeln betrachtet nicht viel kostet ist ja schön und gut, aber die Masse macht es in dem Fall. Man könnte es ja als besonderes Talent sehen, dass ich finanziell trotzdem alles noch jongliert bekomme, aber wirklich befriedigend ist mein Kontostand dennoch nicht. Im Gegenteil, seit längerem bin ich beim Blick aufs Konto regelrecht frustriert. Als Trost, kaufe ich mir eben eine kleine preisgünstige App. 89 Cent sind ja nicht viel, wenn es nicht die 6-7 App in dem Monat wäre!?

Es ist ein Teufelskreis aus Frust und dem Gefühl sich doch für das gute Geld, was ich verdiene, auch etwas leisten zu wollen. Das kleine Glück im Moment des Kaufs ist meist schneller weg, als ich einmal mit den Augen zwinkern kann. Ich bin ein ungeheuer visueller Mensch. Wenn etwas schön aussieht, bunt und farbenfroh ist, dann fasziniert mich das ungemein. Wenn es dann noch nicht teuer ist, dann ist der Griff in die Geldvorräte schnell getan. Viel zu schnell! So hat sich beispielsweise die Sammlung von Taschen und Rucksäcken bei mir auf ungeheure 45 Stück angesammelt. Kein Mensch braucht so viele Taschen!

Schluß damit. Wirklich. Ich bin es leid in meinen eigenen Schränken so viel Auswahl zu finden, dass ich mich davon regelrecht erschlagen und überfordert fühle. Was ich im Einkaufsladen hasse wie die Pest – bspw. 25 Sorten Erdbeermarmelade – das muss ich daheim echt nicht aus eigenem verschulden haben. Ich miste rigoros aus. Angefangen habe ich in den letzten 8 Tagen schon. Mein Bestand an Oberbekleidung habe ich um 60 % reduziert und gleich als Second-Hand auf eBay vertickt. Meine Taschen sind auf 9 besondere Stücke reduziert, der Rest ebenfalls schon verkauft. Als nächstes sind andere Kategorien des Wäscheschrankes dran.

2014 soll für mich ein Jahr der Genügsamkeit und Freiheit werden. Ich bleibe dran und Ihr könnt mitmachen oder mitlesen wenn Ihr wollt. Gruppendynamik kann etwas sehr motivierendes sein. Aber auch ohne dies werde ich mein Konsumverhalten radikal ändern. Im Prinzip hat frau ja alles was sie braucht. Nach dem Ausmisten gilt: Wenn etwas Neues kommt, muss etwas adäquates Altes gehen.

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